So sieht der Fundort der Leiche heute aus. (Archivbild)
Thomas Frey/dpa
So sieht der Fundort der Leiche heute aus. (Archivbild)
Cold Case

Mord verjährt nicht – Aufklärung nach Jahrzehnten

Was geschah nahe der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz vor mehr als drei Jahrzehnten? Die Polizei hat dank gesicherter DNA-Spuren einen Tatverdächtigen festgenommen.

Wie kann ein Mord trotz intensiver ergebnisloser Ermittlungen Jahrzehnte später plötzlich doch noch aufgeklärt werden? Oft sind es moderne kriminaltechnische Methoden, mit denen alte DNA-Spuren jemanden zugeordnet werden können. 

So auch im Fall der vor 31 Jahren getöteten amerikanischen Touristin Amy Lopez in Koblenz. Eine DNA-Spur an der Kleidung des damals 24 Jahre alten Opfers, vor allem an der Innenseite ihrer Jeans, führte die Ermittler auf die Spuren des mutmaßlichen Täters. Eine weitere Spur am entkleideten Oberschenkel gebe Hinweise auf den Täter, hieß es. 

Wer ist der Tatverdächtige?

Ein 81 Jahre alter Deutscher, der schon lange - auch zum Zeitpunkt der Tat - im Raum Koblenz lebte, sitzt in Untersuchungshaft. Er sei bereits strafrechtlich einschlägig in Erscheinung getreten und habe auch schon längere Freiheitsstrafen verbüßt, sagte Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler. Er war am Montag in einem Seniorenheim festgenommen worden und habe sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert. 

Die Ermittler gehen von einem Sexualmord aus. Sie sehen mindestens zwei Mordmerkmale: Heimtücke und Tötung zur Befriedigung des Geschlechtstriebs. 

Was ist über die Tat bekannt?

Die damals 24 Jahre alte Amy Lopez wurde am 26. September 1994 unterhalb der Festung Ehrenbreitstein ermordet. Das Opfer war nach Angaben der Staatsanwaltschaft weitgehend entkleidet und wies schwere Kopfverletzungen, mehrere Messerstiche am Oberkörper und Strangulationsmerkmale auf.

Laut der Koblenzer Staatsanwaltschaft war die junge Frau damals mit dem Bus zu einer Besichtigung der Festung aufgebrochen. Dort kam sie aber nie an. 

Kurz nach der Tat fanden spielende Kinder die Leiche der sexuell missbrauchten 24-Jährigen am Aufstieg – genauer gesagt am sogenannten General-von-Aster-Zimmer, dem früheren Arbeitszimmer des preußischen Generals Ernst Ludwig von Aster (1778-1855), einer Art Lost Place an einem Pfad auf halber Höhe. Der General war Ingenieur und Festungsbaumeister und ließ sich einst am Südhang einen Turm errichten, in dem er arbeitete. 

Wie die Studentin zu dem Tatort kam, ist ungeklärt. Der Vater des Opfers lebt noch in den USA. Die Ermittler haben nach der Festnahme des 81-Jährigen über Videokonferenz mit ihm Kontakt aufgenommen. 

 

Was ist eigentlich ein Cold Case?

Eine bundeseinheitliche Definition zu solchen unaufgeklärten Fällen gibt es laut Landeskriminalamt (LKA) nicht. Die Ermittlungsbehörden in Rheinland-Pfalz verstehen darunter ein vollendetes oder versuchtes Tötungsdelikt. Es kann aber auch ein Vermisstenfall sein, bei dem nach kriminalistischer Erfahrung ein Tötungsdelikt wahrscheinlich ist. Das LKA geht von rund 250 sogenannten Cold Cases in Rheinland-Pfalz aus, davon entfallen etwa 140 auf die Zuständigkeitsbereiche der beiden Polizeipräsidien in der Pfalz. 

Welche spektakulären Aufklärungen gab es schon?

29 Jahre lang wurde Lolita Brieger aus Frauenkron in der Eifel vermisst, bis man im Oktober 2011 ihre sterblichen Überreste auf einer ehemaligen Mülldeponie fand. Hier hatte ein Zeuge, der dem Täter bei der Beseitigung der Leiche half, in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY ... ungelöst» den entscheidenden Tipp gegeben. Der Täter wurde später vor dem Landgericht Trier des Totschlags überführt – aber freigesprochen, weil Totschlag nach 20 Jahren verjährt war.

Zwei andere Beispiele ungeklärter Fälle aus Rheinland-Pfalz 

Im Oktober 1994 wurde eine Frau aus Portugal im Trierer Eros-Center getötet. Die Obduktion ergab laut Kriminalpolizei massive Gewalt gegen Kopf und Hals als Todesursache. Der Täter konnte bis heute nicht ermittelt werden. 

Ungeklärt ist auch ein Mordfall vor mehr als 40 Jahren in der Eifel. Die verbrannte Leiche eines 19-Jährigen war 1982 in einer Lavagrube bei Pelm gefunden worden. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann an einem anderen Ort getötet, sein Körper in die Grube transportiert und dann angezündet worden war.

12,5 Jahre nach Überfall auf Juwelier Urteil erwartet

Unter den 42 Cold Cases im Bereich des Polizeipräsidiums Mainz ist auch der Überfall auf ein Juweliergeschäft von 2013 in Bad Kreuznach. Dabei wurde auf einen Sicherheitsmann geschossen. Der Täter, der die Schüsse abgegeben haben soll, wurde zwölf Jahre später – also im vergangenen Jahr – in Österreich gefasst mit Hilfe einer DNA-Spur. Dabei kam ein neues DNA-Profil zum Tragen, das aufgrund eines Betäubungsmitteldelikts angelegt worden war. Das Urteil gegen den 38-Jährigen wird an diesem Donnerstag in Bad Kreuznach erwartet. 

Internationale Fälle

In Großbritannien wurde Mitte vergangenen Jahres ein 92 Jahre alter Mann wegen eines beinahe 60 Jahre zurückliegenden Mordes verurteilt. Dabei soll es sich um den ältesten sogenannten Cold Case der britischen Polizeigeschichte gehandelt haben. Eine Jury befand den Mann schuldig, eine 75-jährige Frau 1967 in ihrem eigenen Haus vergewaltigt und erwürgt zu haben. 
Spermaspuren auf dem Rock des Opfers führten zu dem Mann, der bereits wegen Vergewaltigung anderer älterer Frauen vorbestraft war. Seine DNA war bei einem anderen Vorfall im Jahr 2012 in die Datenbank der Polizei gelangt.
Prozess in Bad Kreuznach

Von Birgit Reichert, Bernd Glebe, Christian Schultz und Ira Schaible, dpa
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