Empörung aus Europa: Was Infantinos WM-Plan bedeutet
Gianni Infantino will Investoren für die Rechte auch an WM-Turnieren ins Spiel bringen. Was dieser Plan für die Fans bedeuten könnte - und welche Rolle Europas Fußball einnimmt.
Gianni Infantino will Investoren für die Rechte auch an WM-Turnieren ins Spiel bringen. Was dieser Plan für die Fans bedeuten könnte - und welche Rolle Europas Fußball einnimmt.
Gewaltige Empörung, Widerworte aus der Politik und ein klares Veto aus Europa: FIFA-Boss Gianni Infantino hat mit seinen Investoren-Plänen einmal mehr für große Kritik gesorgt. Nicht einmal zwei Wochen nach dem WM-Finale in den USA teilte der Fußball-Weltverband mit, mit dem potenziellen Verkauf eines Teils seiner kommerziellen Rechte etwa an der WM eine Milliardensumme einspielen zu wollen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Präsident Infantino aktiv einen vorher nie erlebten Ausverkauf von FIFA-Rechten plant. Im November 2018 warb der Schweizer für einen Investoren-Deal für die Vermarktungsrechte an einer neuen Club-WM mit 24 Teams sowie einer globalen Nations League mit einem Finalturnier kontinentaler Champions. Es ging um die stolze Summe von 25 Milliarden Dollar. Damals scheiterte Infantino.
Wie kann Infantino seine Macht sichern?
Diesmal nannte die FIFA einen Erlös von etwas mehr als vier Milliarden US-Dollar (gut 3,5 Milliarden Euro). Dafür hätte der Schritt einen anderen Effekt: Infantino könnte nach einer weiteren Periode als Präsident ab 2031 zum Geschäftsführer des neu zu gründenden Tochterunternehmen FFE werden und so nach 15 Jahren Amtszeit weiter mächtig im FIFA-Kosmos wirken.
Es ist mal wieder ein Schachzug à la Infantino, der während der WM wegen der auf Anruf von Donald Trump zurückgezogenen Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun schwer in die Kritik geriet und nun vorwärts verteidigt.
Anfang der Woche wurde publik, dass ein Abgeordneter Infantino für eine Befragung in den Justizausschuss des Repräsentantenhauses zitieren will, wenn er in den USA sei. Dieses Thema wird medial erst einmal verdrängt. Stattdessen fragen sich viele: Wie geht es mit dem geplanten FIFA-Deal weiter?
Was würde sich für Fans ändern?
Konkrete Änderungen für Fans kündigte die FIFA nicht an. Einem Bericht der «Times» zufolge könnte ein Deal den Druck erhöhen, das Feld einer WM weiter auszubauen oder die WM häufiger auszutragen. Hintergrund ist das Modell solcher Beteiligungen: Die Investoren setzen darauf, dass die Erlöse steigen.
Nach Angaben der FIFA sollen private Geldgeber rund 20 Prozent der Anteile an dem Unternehmen erwerben können, dessen Wert zunächst auf insgesamt 20 Milliarden Dollar festgelegt ist. Im FFE werden die kommerziellen Rechte an den FIFA-Wettbewerben gebündelt.
Am Mittwoch berichtete die «Times», dass die FIFA in einem Brief explizit auf eine Zustimmung innerhalb von 53 Tagen setze und dann eine Summe von 40 Millionen pro Verband aufrufen könne. Bei einer Ablehnung gebe es demnach 10 Millionen US-Dollar. Dies sei «reine Bestechung», sagte eine nicht namentlich genannte Person der Zeitung. «Das sagt alles über diesen Plan aus, was man wissen muss», kritisierte der europäische Dachverband UEFA. Von der FIFA gab es zunächst keine Angaben dazu.
Wachsen Umsatz und Unternehmenswert, steigt auch der Wert ihrer Beteiligung. Mehr Spiele oder mehr Turniere könnten für höhere Einnahmen sorgen. Die FIFA erklärte in der Mitteilung, «die ausschließliche Zuständigkeit für die Führung des Fußballs, Wettbewerbe, den internationalen Spielkalender und sämtliche regulatorischen und sportlichen Entscheidungen» zu behalten. Schon zuletzt hatte Infantino verkündet, dass die Einnahmen im aktuellen WM-Zyklus auf 15 Milliarden US-Dollar klettern sollen.
Wer sind die Gegner und was können sie tun?
Der mächtigste Gegner ist die UEFA, die ihre Ablehnung klar kommunizierte. «Damit wird eine Grenze überschritten, die die für den Fußball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften», teilte der Dachverband mit. Die Europäische Fußball-Union nehme die Sache sehr ernst.
Einen Bericht, wonach man den Boykott von FIFA-Wettbewerben erwäge, wollte die UEFA am Morgen nicht kommentieren. Es steht im Raum, dass es noch diese Woche eine Dringlichkeitssitzung der europäischen Verbände geben soll. «Auf Grundlage der begrenzten Informationen sind wir zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens und einer angemessenen Governance», teilte der englische Fußball-Verband mit. Man habe keine Kenntnis gehabt.
Was sagen die deutschen Vertreter?
Bemerkenswert: Ihr Statement veröffentlichte die UEFA bereits auf Basis eines Berichts der «Times» und noch bevor die FIFA offiziell die Pläne mitteilte. Als UEFA-Vizepräsident betonte Hans-Joachim Watzke die große Macht der Europäer. «Bei der WM standen sechs europäische Teams im Viertelfinale und drei im Halbfinale. Wenn sich der europäische Fußball geschlossen gegen die Pläne wehrt, hat das sehr viel Gewicht», sagte Watzke auf Anfrage.
Bayerns Sportvorstand Max Eberl zeigte sich schockiert. «Ich finde es beschämend. Ich schäme mich dafür, dass wir im Fußball über solche Gedanken reden. Der Fußball - das haben die Fans auch schon gesagt - gehört uns nicht», sagte Eberl im Trainingslager in Rottach-Egern. Er stellte offen einen Boykott Europas in Aussicht, um der FIFA Contra zu geben.
Was ist die Rolle der UEFA?
Die UEFA präsentiert sich nicht zum ersten Mal als Bollwerk des gegenwärtigen Zustands im Weltfußball. Auch bei Infantinos Milliarden-Plänen 2018 ging der europäische Dachverband mit Präsident Aleksander Ceferin in Frontalopposition zum Weltverband - und setzte sich am Ende durch.
Ceferin war auch bei den Super-League-Plänen europäischer Clubs im Jahr 2021 einer der lautesten und prominentesten Gegner. Er kündigte unter anderem an, Profis könnten nicht mehr bei WM und EM spielen, wenn sie Teil dieser Super League würden. Diesmal wird sich die Opposition komplizierter gestalten, denn Infantinos FIFA will die Fußball-Welt und vor allem die kleinen Verbände mit zusätzlichem Geld überschütten.
Ist der geplante Deal mehrheitsfähig?
Davon ist auszugehen. Denn abseits der Ablehnung aus Europa dürfte es gerade bei kleineren Mitgliedsstaaten eine Zustimmung für die Idee geben, weil sie schlicht für einen deutlichen Anstieg der Einnahmen sorgen. «Hier geht es um die Demokratisierung des Fußballs weltweit», sagte Infantino.
«Wir beabsichtigen, auch in die kleinsten oder entlegensten Teile der Fußball-Welt, die zu oft übersehen werden, massiv zu investieren», fügte Infantino an. Nach FIFA-Angaben könnten sich die Einnahmen pro Jahr für die Mitgliedsstaaten mehr als verdreifachen - auf im Schnitt bis zu mehr als sieben Millionen US-Dollar pro Jahr bis 2038. Das ist vor allem für kleine Verbände ein riesiges Geschäft. Infantino ließ wissen, jeder FIFA-Mitgliedsverband solle einen fairen Anteil an dem Deal erhalten, um seine eigene Zukunft zu gestalten.
In Kürze werde ein Vorschlag, der derzeit geprüft werde, den 211 Mitgliedsverbänden und dem FIFA-Rat vorgelegt, die die Entscheidungsträger in dieser Angelegenheit seien, sagte ein FIFA-Sprecher auf Anfrage.
Der Verband Concacaf, der die Nationen in Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik vertritt, zeigte sich von dem Prozedere enttäuscht. «Wir sind zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens», hieß es in einem Statement, über das Sky News berichtete. Man habe erst über die Medien davon erfahren. So ähnlich äußerte sich auch Asiens Kontinentalverband.
Welche Rolle könnte Infantino spielen?
Sollte das Modell umgesetzt werden, könnte Infantino das neue Unternehmen als Commissioner oder Geschäftsführer leiten. Es sei über dieses Szenario aber noch nie konkret gesprochen worden, betonte ein FIFA-Sprecher. Der Präsident und die Verwaltung müssten jedoch - sofern es genehmigt wird - führende Rollen in dieser Einrichtung einnehmen, um gemäß der FIFA-Statuten die Kontrolle über jede Tochtergesellschaft zu behalten.
Die Kritik daran ist enorm. «Die enge Beziehung zwischen dem FIFA-Präsidenten und dem US-Präsidenten hat eine finanzielle Dimension angenommen, die dem Fußball erheblichen Schaden zufügt. Niemand hat das Recht, unseren Sport zu verkaufen», schrieb der ehemalige FIFA-Boss Joseph Blatter bei X.
Auch Großbritanniens Premier Andy Burnham («Der Fußball gehört nicht den Investoren») und die britischen Medien («WM zum Verkauf» und «Rote Karte für FIFA-Plan, die WM zu verkaufen») übten klare Kritik.
Von Patrick Reichardt, Meyel Löning und Christian Kunz, dpa
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